In jeder Frau steckt eine Schriftstellerin



 

Katarina Grgic

Verlagsleitung

 

"Die Liebe zu Büchern habe ich meiner analphabetischen Oma zu verdanken"


Eine Hommage an alle Frauen, die nie lesen und schreiben lernen durften 

 

Ich wuchs mit zwei Analphabetinnen auf.

Meine Oma entstammte einer Zeit und einer Kultur, die für Mädchen keine Bildung vorsah. Für eine Frau, die weder lesen noch schreiben konnte, verfügte meine Oma über einen beeindruckend reichen Wortschatz und eine schier grenzenlose Phantasie. Sie erzählte uns Märchen, Fabeln und Geschichten über angeblich wahre Begebenheiten, und sie erzählte so, als würde sie vorlesen. Nie verlor sie den roten Faden. Nie geriet sie ins Stottern. Und in jeder Geschichte gab es einen Spannungsbogen, einen Konflikt mit Auflösung und eine Moral. Bat man sie um die Wiederholung einer Geschichte, wurde die Geschichte weiter ausgeschmückt.

 

In Omas geistiger Geschichtensammlung gab es unendlich viele Geschichten und unendlich viele Variationen einzelner Geschichten.

 

 

Hätte man die Geschichten meiner Großmutter aufgeschrieben, so wäre eine stolze Büchersammlung entstanden. Und ich möchte behaupten, dass sich diese Bücher mit vielen Büchern bekannter Geschichtenerzähler hätten messen können. Es klingt vielleicht paradox, doch die Liebe zu Büchern habe ich meiner analphabetischen Oma zu verdanken. 

 

Als meine Tante im Schulalter war, tobte der Zweite Weltkrieg. Es galt zu überleben. Für Bildung gab es weder Raum noch Mittel.

Meine Tante war keine Geschichtenerzählerin. Meine Tante war eine Beobachterin mit einem messerscharfen Verstand und einem fast unheimlichen analytischen Gespür. Ich lernte von ihr, hinter die Fassade zu schauen, Gefühlsregungen zu deuten und zwischen den Zeilen zu lesen. Ihre Ausdrucksweise war schmucklos, aber präzise und fokussiert. Mit etwas Bildung hätte aus meiner Tante eine perfekte Berichterstatterin werden können. 

 

Ich hatte das Glück, in einer Zeit und an einem Ort aufzuwachsen, wo es selbstverständlich war, lesen und schreiben zu lernen und einen unbegrenzten Zugang zu Literatur zu haben. Für viele Frauen bleibt diese Welt aber auch heute noch unerreichbar. Das Tröstliche, das mich meine Lebensgeschichte gelehrt hat, ist, dass jede Frau ein Buch voller Geschichten ist und dass in jeder Frau eine Schriftstellerin steckt.