Schreiben Frauen anders?

Wer sich viele Jahre beruflich mit Manuskripten und Büchern beschäftigt hat, kann die Frage, ob Frauen anders schreiben, eindeutig mit ja beantworten. Dabei heißt anders nicht besser oder schlechter. Es ist ein Anders ohne Wertung.

 

 

Frauen bedienen sich beim Reden und Schreiben der Gefühle und der Vernunft

 

Warum das so ist, lässt sich womöglich auch wissenschaftlich begründen. In einer Hirn-Studie im Geschlechtervergleich, die unlängst im US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“ vorgestellt wurde, kamen interessante Erkenntnisse zutage. So sollen sich Frauen beim Reden und Schreiben gleichzeitig sowohl der Gefühle in der rechten, als auch der Vernunft in der linken Hirnhälfte bedienen. Bei den männlichen Probanden hingegen wird je nach Situation und Thema entweder die rechte oder die linke Hirnhälfte aktiv.

 

Bei der Auswahl der Bücher für ein Verlagsprogramm spielen wissenschaftliche Erkenntnisse zu geschlechtsspezifischen Schreibweisen und Themengewichtungen keine Rolle. Wichtig erscheint diese Frage erst dann, wenn man sich auf die Suche nach der Leserzielgruppe macht. Dann hilft es, auf die Beobachtungen und Erfahrungen aus der eigenen Verlagsgeschichte zurückzugreifen. Und hier stößt man auf interessante und wertvolle Hinweise.

 

 

Bei Erfahrungsberichten, Ratgebern und Kinderbüchern sind Autorinnen überdurchschnittlich vertreten

 

Seit der Verlagsgründung wurden im Frieling-Verlag mehrere zehntausend Manuskripte gelesen und geprüft. Schaut man explizit darauf, ob sich bei den Genres und der Themenwahl geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen lassen, dann wird man schnell fündig. So stellt man beispielsweise fest, dass in den Rubriken Ratgeber, Erfahrungsberichte und Kinderbücher weibliche Autoren führend sind. Dagegen sind sie relativ wenig in der Rubrik gesellschaftskritische Bücher, Religion und Autobiografien vertreten.

 

 

Selbst in den Rubriken, die gleichermaßen von Autoren und Autorinnen belegt sind, wie Romane und Lyrik, merkt man bei inhaltlichen Analysen unterschiedliche Gewichtungen und Intentionen. Weiblichen Autoren scheint es unbewusst wichtig zu sein, zu teilen und zu geben, nicht anzuecken und nicht anzugreifen. Zumindest nicht in der offen aggressiven Form. Ob sie mit Geschichten unterhalten, mit Lyrik berühren oder mit Sachbüchern aufklären, warnen oder beraten möchten, es geht nahezu immer darum, einen Mehrwert für die Leserin oder den Leser zu erzeugen.

 

Weibliche Schriftsteller haben einen anderen Blick auf die Welt

 

Diese Tatsache macht weibliche Autoren nicht automatisch zu besseren Menschen. Die tiefenpsychologische Analyse der weiblichen Art zu schreiben und Themen zu wählen überlassen wir anderen. Aus der Sicht eines Verlages, der den Titeln seiner Autorinnen einen optimalen Zugang zum Buchmarkt ermöglichen möchte, ist es viel wichtiger, zu erkennen, ob Autorinnen einen anderen Blick auf die Welt haben und dem Publizieren einen anderen Stellenwert beimessen, als es ihre männlichen Kollegen tun. Denn wenn es so ist – und alles spricht dafür –, dann kann die Zielgruppe der Buchtitel weiblicher Literaten viel effektiver angesprochen und erreicht werden.